Agenda Kommunikation

Monat: Mai, 2016

Norbert Hofer ist als Feindbild denkbar ungeeignet…

Kommentar in „Politik und Medien“* zur politischen Berichterstattung im Wahl(kampf)-Monat April und den medialen Vorboten der SPÖ-Implosion.

Die letzten Wochen vor einem Wahlgang haben medial meist eine recht ähnliche Dramaturgie. Aktionen und Strategien der wahlwerbenden Parteien werden genau unter die Lupe genommen, politische Planspiele vorweg durchgeführt und meistens können die Medien auch nicht der Versuchung widerstehen, schon vorweg die Rechnung zu machen – allerdings ohne den Wirt, die Wählerinnen und Wähler, die sich in ihrem Abstimmungsverhalten wieder einmal partout nicht nach den Vorgaben der Meinungsforscher richten wollten. Der Start-Ziel-Sieg von Alexander Van der Bellen fand so nicht statt, ebenso wenig wie die mehrmals suggerierte Aufholjagd der Kandidaten aus den Regierungsparteien. Natürlich kann man quantitative Präsenzmessungen alleine noch nicht als Prognoseinstrument für Wählen heranziehen – ebensowenig wie Sonntagsfragen und Pseudo-Umfragen mit kaum wahrnehmbarem Sample – aber wer fundierte Medienanalyse betreibt, der ist von Wahlergebnissen oft weniger überrascht als von Befragungsergebnissen, die zwecks Stimmungsmache noch kurz vor dem Wahltag veröffentlicht werden.

Wenn es um die Berichterstattung über Wahlkämpfe geht, werden Medien auf den ersten Blick häufig von einem Gerichtigkeitssinn gepackt, den sie zwischen den Wahlen oft missen lassen. Die entsprechende Berichterstattung wird streng
aliquotiert, wodurch eine eindeutige „Themenführerschaft“ für Parteien oder Kandidaten kaum zu erreichen ist.

Die Strategie von Norbert Hofer als Wahlsieger im ersten Durchgang, nicht polternd sondern moderat, konsensual, empathisch und verständnisvoll aufzutreten, hat noch vor dem Wähler auf die Medien gewirkt. Ihnen wurde durch diesen Stil die Möglichkeit zu einer wirklich polarisierenden Berichterstattung entzogen. Jemand wie Hofer lässt sich nicht wirklich zum Feindbild stilisieren. Die FPÖ-Wähler hatte der blaue Spitzenkandidat ohnehin schon in der Tasche, mit diesem Auftreten konnte er sein Soll übererfüllen und auch Stimmen aus anderen Lagern fischen, insbesondere aus der SPÖ, die schon vor dem Urnengang die Segel gestrichen hatte und so den einen oder die andere noch in das blaue Lager oder zu den Nichtwählern trieb.

Die Fundamentalverschiebungen in der österreichischen Innenpolitik im ersten Maidrittel haben schon in der April-Berichterstattung ihre Schatten vorausgeworfen. Kanzler Faymann war der mit Abstand meistkritisierte politische Firstliner, die Partei gab ein zerstrittenes Bild ab. Dass mehr als drei Viertel der Kritik an der SPÖ aus den eigenen Reihen kam, erinnert an eine kommunikationstechnische Autoimmunerkrankung. Der jüngste Zerfall der SPÖ in mehrere Lager und die Führungskrise, die im Rücktritt von Werner Faymann gipfelte, überraschen aus medienanalytischer Sicht überhaupt nicht, erscheinen im Gegenteil längst überfällig.

Walter Schwaiger

MediaAffairs

Advertisements

Was hat die FPÖ, was andere nicht haben? Eine Annäherung

Walter SchwaigerSeit dem ersten Durchgang der Bundespräsidentschafts-Wahlen beschäftigen sich viele Kommentare zur Innenpolitik – und auch die Berichterstattung insgesamt – vor allem mit dem Zustand der Noch-Regierungsparteien bzw. der ehemaligen Großparteien ÖVP und SPÖ. Kaum jemand fragt sich, ob es nicht auch FPÖ-immanente Gründe geben könnte, die den blauen ihren Höhenflug bescheren

Die Ratlosigkeit von Rot und Schwarz angesichts des Durchmarsches der FPÖ bei praktisch allen Wahlgängen der vergangenen Jahre könnte einen fast ebenso betroffen machen wie der Umstand, dass die politischen Rahmenbedingungen, in denen wir es uns jahrzehntelang so lauschig eingerichtet haben, plötzlich kaum noch wiederzuerkennen sind.

Bei fundamentalen politischen Veränderungen sind wir auf Panik konditioniert. So etwas wollen wir nicht, und wenn H.C. Strache als Gott-sei-bei-uns der heimischen Innenpolitik gar die Führung einer Koalition übernehmen sollte: aus und geschehen ist es. Praktisch jeder Ansatz, den blauen Höhenflug zu beenden – von der Ausgrenzung über das Ignorieren bis hin zur Imitation – ist bislang grandios gescheitert.

Haben die Blauen die besseren politischen Strategen und Spin-Doktoren? Erklärungsansätze für das blaue Phänomen setzen meist bei den Fehlern der politischen Mitbewerber und einer insgesamt für die FPÖ günstigen Themenlage an. Dabei kann die Partei aber auch auf wichtige Grundlagen aufbauen, die einst auch für den Erfolg der früheren Großparteien SPÖ und ÖVP verantwortlich waren, die diesen aber längst abhanden gekommen sind:

 

  1. Die FPÖ hat ein (solides) Wertefundament

Frank Stronach, der aus vielerlei Gründen und zu Recht mit seiner Partei baden gegangen ist, hatte in einer Sache recht: Sein Mantra „Es geht um die Werte“ ist Grundlage jeder nachhaltigen politischen Arbeit. Das Wertefundament der FPÖ ist einfach und intakt. Und auf dem Markt der politischen Themen finden sich kaum Mitbewerber um Heimat, (christliche) Tradition und Liebe zu Österreich. Aber genau das gehört zur emotionalen Grundausstattung der „Menschen in unserem Land“, die abgeholt werden möchten.

Der Vorwurf, die FPÖ mache Politik mit der Angst der Bevölkerung und habe außer Hetze und Verunsicherung nichts zu bieten, greift viel zu kurz.

 

  1. Die FPÖ solidarisiert sich mit der Bevölkerung,
    die anderen erwarten Solidarität der Bevölkerung mit der Partei

Die FPÖ zeigt Solidarität mit der Bevölkerung, ÖVP und SPÖ erwarten Solidarität der Bevölkerung mit der Partei. Das Wir-Gefühl, das die Partei erzeugen kann, erinnert an Mai-Aufmärsche und Solidaritätskundgebungen anderer Parteien zu anderer Zeiten.

Im Gegensatz dazu satteln SPÖ und ÖVP das Pferd von der anderen falschen Seite. Sie erwarten die Solidarisierung der Menschen mit der Partei! So können sie unmöglich glaubwürdig kommunizieren, dass es ihnen um die Sorgen und Ängste der Menschen geht. Es geht vielmehr um die Sorgen und Ängste der Parteien, die ihre Felle davonschwimmen sehen.

 

  1. Die FPÖ kommuniziert authentisch

Man kann naserümpfend den Bierzelt-Aktivismus der FPÖ als moralisch und symbolisch verwerflich abtun. Aber damit holen Sie einen guten Teil ihrer Wähler ab. Nicht, weil die alle im Bierzelt zu finden wären – aber der Kontrast zur Abgehobenheit und Arroganz des politischen Establishments wird so mit Händen greifbar. Und die Schnittmenge der Bierzelt-Besucher mit jenen, die die FPÖ über ihre eigenen, gut geschmierten Kommunikationskanäle erreicht (Stichwort: YouTube & Facebook) ist nicht allzu groß. So erreicht die Partei in ihrer Kommunikation eine Breite und Authentizität, von der andere Parteien nur träumen können.

Natürlich stellen Protestwähler noch immer einen wichtigen Teil der FPÖ-Wählerschaft dar, aber darauf alleine lässt sich die Partei schon lange nicht mehr reduzieren.